Am 11. Januar 2012 veranstaltete die GEW eine Fachtagung für Ausbilderinnen und Ausbilder, die um die Frage kreiste: „Was können wir gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen tun?“
Jochen Nagel stellte in seiner Begrüßungsansprache die Sparmaßnahmen in der Ausbildung in den Zusammenhang der mit der Schuldenbremse gerechtfertigten anderen Sparmaßnahmen, die die Qualität des Bildungswesens und die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten verschlechtern.
Franziska Conrad vom Referat Aus- und Fortbildung präsentierte die neuesten Berechnungen des Kultusministeriums bezüglich der Arbeitszeit der Ausbilderinnen und Ausbilder:
Trotz aller Proteste von allen an Ausbildung Beteiligten und der Argumente des Hauptpersonalrats der Lehrerinnen und Lehrer (HPRLL) wird es bei der drastischen Kürzung der Ressourcen in der Ausbildung bleiben. Für die Ausbildung einer Lehrkraft im Vorbereitungsdienst (LiV) werden 4,75 Zeitstunden pro Woche zugewiesen. Damit sollen alle im Hessischen Lehrerbildungsgesetz (HLbG) und in der Durchführungsverordnung (HLbG-DV) festgelegten Leistungen beglichen werden, inklusive Verwaltungsaufgaben, Qualitätsentwicklung des Studienseminars, Krankheitsvertretung und Personalratsarbeit. Durch den Vergleich mit der „Vergütung“ der gleichen Ausbildungsleistungen nach der alten HLbG-UVO und der novellierten HLbGDV wurde deutlich, dass besonders die Zeit für individuelle Beratung um zwei Drittel gekürzt wurde. Auch werden die Modulveranstaltungen jetzt schlechter als nach der alten Verordnung vergütet. Die nach umfangreichen Rückmeldungen vorgenommene Erhöhung der Ressourcen für die Unterrichtsbesuche gehen zu Lasten des Pools, aus dem Seminarentwicklung, Verwaltung, beratende Unterrichtsbesuche, Modulprüfungen, Krankheitsvertretung und Personalratsarbeit „bezahlt“ werden sollen.
Über 50 anwesende Ausbilderinnen und Ausbilder stellten heraus, dass der gekürzte Faktor zu großer Arbeitsverdichtung und zu Arbeitszeiterhöhung bis zu 20 % führe. Auch wurde deutlich gemacht, dass Unterrichtsausfall bei Ausbilderinnen und Ausbildern und daher Konflikte mit den Ausbildungsschulen vorprogrammiert seien. Auch werde die Motivation der Schulen, LiV auszubilden, durch die Erhöhung der Anrechnung auf 8 Stunden beeinträchtigt. Heftig kritisiert wurde auch, dass Kultusbürokratie und Amt für Lehrerbildung (AfL) den Faktor bereits für Seminare verpflichtend machten, bevor das Mitwirkungsverfahren mit dem HPRLL endgültig abgeschlossen war.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verabschiedeten einstimmig eine Resolution, in der folgende Forderungen aufgestellt wurden:
- Anrechnungsstunden für Mentorinnen und Mentoren
- keine Streichung von Ausbilderstellen und Ausbildungsaufträgen
- keine Verschlechterung des Zuweisungsfaktors
- keine Arbeitszeiterhöhung für Ausbilderinnen und Ausbilder, sondern Zuweisung von Ressourcen für Ausbildung, die sich an den real zu erbringenden Ausbildungsleistungen und -zeiten orientieren, d. h. Zuweisung von mindestens 5,2 Wochenstunden für die Ausbildung pro LiV und Rücknahme der geplanten Erhöhung des Anrechnungsfaktors pro LiV an den Schulen.
Im zweiten Teil der Veranstaltung fand eine Podiumsdiskussion mit Vertreterinnen und Vertretern der Landtagsfraktionen SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke statt. Die Regierungsfraktionen schickten keinen Vertreter. Einmütig sprachen sich Heike Habermann (SPD), Matthias Wagner (Bündnis 90/ Die Grünen) und Barbara Cardenas (Die Linke) gegen Sparmaßnahmen in der Ausbildung aus. Sie kritisierten die chaotische Politik und die Widersprüche zwischen den Regierungsparteien in Sachen Lehrerausbildung. Was die Perspektiven der Lehrerausbildung betrifft, plädierte Matthias Wagner für ein Praxissemester in der 1. Phase der Lehrerausbildung. Heike Habermann dagegen vertrat die Position, dass ein Praxissemester zu teuer sei. Sie rückte den Verzicht auf die zweite Phase zugunsten einer Berufseinstiegsphase in den Blick, in der die Studienseminare einbezogen werden sollen. Barbara Cardenas votierte für eine gleiche Lehrerausbildung für alle Lehrämter und für eine Ausbildung, die die Lehrkräfte befähigt, mit der Heterogenität der Schülerinnen und Schüler umzugehen und mit allen Institutionen der Jugendarbeit und Jugendpflege zu kooperieren. Auch müsse die Erzieherausbildung auf Hochschulniveau erfolgen.
Als ob es mit den Sparmaßnahmen in der Ausbildung noch nicht genug wäre, landete Ende Januar erneut eine Schreckensbotschaft von Kultusministerium und AfL in den Seminaren: Die Fortbildungsveranstaltungen der Studienseminare seien auszusetzen: „Die frei werdenden Stellenanteile sind in den Unterricht abzuführen.“ Drückt die Sprache dieses Erlasses bereits die Dominanz technokratischer Denke aus, so sind die Folgen für Unterrichts- und Schulentwicklung ähnlich deprimierend. Die Streichung von Fortbildungsangeboten an der Nahtstelle von Theorie und Praxis beispielsweise zur Einführung des kompetenzorientierten Unterrichts und der Inklusion bedeutet Frustration für alle Beteiligten. Da die frei werdenden Ausbilderstunden in die Systeme Ausbildung und Unterricht äußert kurzfristig eingebaut werden mussten, brachte der Erlass Chaos in die Verwaltung. Und letztlich sind die Schülerinnen und Schüler die Leidtragenden, denn sie hätten von der Verbesserung der Unterrichtsqualität durch Fortbildung profitiert.
Franziska Conrad








