Der Ruf nach Medienbildung an Schulen ist brandaktuell - aber nicht neu. In den frühen 80er Jahren ging es noch vornehmlich darum, Kinder und Jugendliche für eine Welt "fit" zu machen, die sich zunehmend über Fernseh-, Video- und Print-Bilder und Massenmedien vermittelt. Die Politik hat sich seinerzeit nicht allzu stark dafür gemacht, dass Schule stärker auf die Mediatisierung der Welt reagieren muss. Und was hätten Unternehmen - die Medienindustrie einmal ausgenommen - von Jugendlichen gehabt, die Zeitungen, Radiosendungen und Videoclips produzieren können? Heute wird das "Ob" von Medienbildung erst gar nicht mehr diskutiert. Und das ist zunächst gut so. Rund um Multimedia und Medienbildung ist seither eine gewaltige Arena politischer Auseinandersetzungen und ökonomischer Konkurrenzen entstanden. Bildungspolitik und Medienkompetenzvermittlung sind zu Wahlkampfthemen ersten Ranges geworden, und die Wirtschaft hat Interesse an mediengeschultem Nachwuchs und an kompetenten Kundinnen und Kunden. Unter Berufung auf den Vorsprung anderer Länder, mangelnde Wettbewerbsfähigkeit und Fachkräftemangel in speziellen Bereichen wird die Bundesregierung derzeit auf mehreren Ebenen und im Bündnis mit der Wirtschaft aktiv.
Auch die allgemeinbildenden Schulen profitieren von den in Aussicht gestellten Geldern für die Ausstattung aller Schulen mit Geräten, mit ISDN- und Internetanschlüssen, von dem finanzschweren Programm für die Entwicklung von Lehr- und Lernsoftware, von der Ankündigung der Bundesbildungsministerin, alle Schülerinnen und Schüler bis 2006 mit einem Laptop auszustatten, von der Initiative eLearning der EU und von den Medieninitiativen der Bundesländer mit ähnlich ambitionierten Zielen. Die Ausstattung von Schulen mit Computern ist mittlerweile zum Prüfstein für die Bildungspolitik und zum Wahlkampfschlager schlechthin geraten. Selten wird so viel Geld auf einen Schlag für schulische Sachmittel locker gemacht wie auf diesem Gebiet. In Ausgaben- und Ausstattungs-"Rankings" konkurrieren die Bundesländer derzeit um die vorderen Plätze. Skeptische Rufe nach einer qualitätsbewussten und ausgewogenen Ausgabenplanung sind - zumindest in der "großen Politik" - eher spärlich. Hier steht zunächst das Prinzip "Masse" in den Schlagzeilen, die "Klasse" findet sich - finanziell und rhetorisch gesehen - eher in den Fußnoten. Dabei käme es mittlerweile dringend darauf an, beides miteinander zu verbinden, damit die Qualität schulischen Lernens und das Gebot der Chancengleichheit nicht zurück stehen hinter kurzfristigem politischem Kalkül und ökonomischer Verwertbarkeit. Dafür nämlich steht zu viel auf dem Spiel: der Anspruch von Kindern und Jugendlichen auf Entfaltung, eine gute Bildung und eine befriedigende Arbeit, die Sorge von Eltern um eine ausreichende und moderne Qualifikation ihrer Kinder, das Postulat, allen Menschen in einer demokratischen Gesellschaft die Beteiligung am sozialen, kulturellen und politischen Leben zu sichern und letztlich auch der Anspruch von Lehrkräften auf eine befriedigende und an Qualität orientierte Arbeit.
Dem geschenkten Gaul ins Maul geschaut: Zur Computer-Ausstattung von Schulen
Gibt es zu wenige Computer an unseren Schulen, wie allenthalben beklagt wird? Solange viele Kinder und Jugendliche die Schule verlassen, ohne regelmäßig mit dem Medium gearbeitet zu haben, muss dies eindeutig mit Ja beantwortet werden. Genauer besehen könnte man jedoch - auch wenn es zynisch daher kommt - die Frage ebensogut verneinen. Angesichts der Probleme in der Praxis und des daraus folgenden geringen Nutzungsgrads der Geräte gibt es an einigen Schulen bereits zu viele. Zur Zeit ändere sich in Sachen Medienbildung nichts außer der Anzahl der Computer - so hat es eine GEW-Kollegin aus Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr formuliert.
Wenige Bundesländer weisen in ihren Berichten eine Ausstattung nahezu aller Schulen aus, andere versuchen aufzuholen, doch sagen diese Zahlen weder etwas aus über die jeweilige Anzahl, die Güte und eine nutzerfreundliche Organisation der Geräte noch über die Frequenz, die Intensität, die Art und die Qualität der Nutzung. Eilfertigkeit und Konzeptionslosigkeit sowie mangelnde Erfahrungen mit den Folgen haben vielmehr oft ineffiziente, langfristig nicht finanzierbare und auch pädagogisch nicht immer sinnvolle Ausrüstungen zur Folge.Eine Schule kann bereits als ausgestattet gelten, wenn sie irgendwo ein oder zwei - am besten internetfähige - Rechner vorweisen kann. Das ist bei entsprechender Schulgröße nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Eine Schule mit drei top-ausgestatteten Computerräumen könnte da schon eher mit einer ansehnlichen "Computer-pro-Kopf-Quote" glänzen. Doch in der Realität könnte sich das Bild ebensogut verkehren: Einige wenige Lehrkräfte - zumeist aus dem naturwissenschaftlichen Bereich - betreuen Technik und Software und nutzen mit ihren angestammten Gruppen die ansonsten verwaisten Räume. Dem gegenüber könnte eine Schule mit einer respektabel ausgerüsteten Medienecke oder Medienbibliothek, die ganztägig kleinen Projektgruppen und Lehrkräften zur Verfügung steht, in Sachen Medienbildung um eine Nasenlänge voraus sein, selbst wenn sich die Anzahl der PCs hier klein ausnimmt.Hans Winkler, langjähriger Leiter der Stadtbildstelle Bremerhaven, berichtet aus eigener Erfahrung, dass sich auch an gut ausgestatten Schulen oft nur ganz wenige Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler intensiv mit den vorhandenen Computern beschäftigen und der Rest der Schule davon zu wenig versteht.Immer Ärger mit der TechnikFür das ambitionierte Vorhaben, alle Schulen bis 2001 ans Netz zu bringen, hat das Bundesbildungsministerium eine Computerbörse für Schulen und Unternehmen initiiert. Die Bundesländer fördern die Ausstattung von Schulen mit Gebrauchtgeräten über den Weg von Patenschaften und Sponsoring. Auf der CeBIT 1999 ist bereits ein Schüler-PC vorgestellt und später auch von der Initiative D21 für Schulen empfohlen worden. Weitere schultaugliche Billig-Geräte wurden mehrfach angekündigt. Die politischen Initiativen haben indessen nicht nur positive Stimmen geerntet.
Die GEW wie auch der Bundesverband Informations- und Kommunikationssysteme haben vor "PC-Friedhöfen" und "Computermüll an unseren Schulen" gewarnt. Viele gespendete Rechner sind anfällig, passen nicht zu den bereits vorhandenen Konfigurationen oder werden am Ende ohne Betriebssystem ins Haus geliefert. Wie brauchbar Billig-Computer oder -Laptops langfristig sein können, ist unter Fachleuten höchst umstritten. Im Prinzip müssten Gebrauchtgeräte zunächst einer öffentlich verantworteten Qualitätsprüfung standhalten, bevor sie in den Schulen abgeladen werden dürften. Würde mehr Sorge auf die Standards und die Qualität der Gebrauchtgeräte verwandt, könnten zudem an anderer Stelle Geld und Mühe gespart werden, etwa bei der leidigen Nachrüstung, der Lizensierung von Programmen und der Harmonisierung der Gerätekonfigurationen.Netzbetreuung im AusstandKostenlose Internet- und ISDN-Anschlüsse und verbilligte Telefongebühren sind schöne Geschenke. Andere Folgen der technischen Ausrüstung werden jedoch weiterhin oft unterschätzt oder auch unterschlagen, obschon sie der schulischen Medienbildung den Garaus machen könnten: die Pflege und Wartung der Geräte, deren Vernetzung und die Netzwerkadministration, die Nachrüstung und Aktualisierung der Systeme, die Erschließung und Beschaffung von Software, die Fortbildung und Beratung der Lehrkräfte, die Unterstützung und Entlastung der Kolleginnen und Kollegen, die die Arbeit damit haben oder auch die Betreuung während freier Lernzeiten an den Geräten (sofern es dieses Angebot überhaupt gibt). Für all dies ist ein gut durchdachtes Konzept der Ausstattung, Organisation und des Ressourceneinsatzes nötig.Viel mehr als von systematischen Qualitätsansprüchen an schulische Bildung hängen jedoch derzeit Umfang, Art und Qualität der Computernutzung nicht nur von der Gunst einzelner Spenderfirmen und der Sponsorwürdigkeit einzelner Schulen ab, sondern auch vom Fundraising-Engagement, vom technischen Tüftelvermögen und freiwilliger zusätzlicher Arbeitsleistung einiger Einzelkämpfer. In manchen Bundesländern gibt es dafür nicht einmal die eine oder andere Anrechnungsstunde. Dort, wo es sie gibt, sind sie oftmals nicht mehr als eine symbolische Entschädigung. So hat das Forum Netzwerkbetreuung in Hamburg im letzten Jahr den Online-Ausstand erklärt.
Pädagogische Praxis
Der wichtigste Grund für die dürftige Medienpraxis an Schulen ist in fehlenden pädagogischen und didaktischen Konzepten zu suchen. Dabei schaffen bestimmte Modelle der Ausstattung - zusammen mit räumlichen und curricularen Gegebenheiten - gewollt oder ungewollt Fakten. Sie beeinflussen die Lernorganisation und -umgebung und somit auch den didaktisch-methodischen Einsatz von Medien, bevor überhaupt die Vor- und Nachteile verschiedener Ausstattungen pädagogisch hinreichend ausgelotet wären: Computerräume oder PC-Ecken in allen Klassen, Medieninseln und -bibliotheken oder Laptops für alle Schülerinnen und Schüler. Dabei sollte die Entscheidung für ein bestimmtes Verständnis von Medienbildung und -einsatz möglichst schon vor der Anschaffung von Geräten getroffen werden, auf jeden Fall aber zeitnah. So mögen abgeschlossene PC-Räume für einen Teil der sogenannten informationstechnischen Grundbildung, für konzentriertes Einzelarbeiten der ganzen Klasse oder für Frontal-Medienunterricht Sinn machen. Als einzige mediale Lernumgebung schließen sie jedoch vermutlich viele Lernformen und wahrscheinlich auch einige Fächer aus. In einem Raum, in dem die Schülerinnen und Schüler, wenn sie vom Bildschirm aufblicken, die Wand oder die Lehrkraft anschauen, ist zum Beispiel ein handlungs- oder projektorientiertes Lernen, ein kooperatives oder Gruppenlernen nur mühsam realisierbar. Über die Art und Qualität der Nutzung und die Präsenz der unterschiedlichen Fächer wissen wir indessen immer noch zu wenig, solange nicht qualitativ auf diesem Gebiet mehr geforscht und erprobt wird.Computer allein reichen nicht ausAus unserer Sicht muss daher entschieden "nachgerüstet" werden - finanziell, organisatorisch, personell und auch pädagogisch. Solange die Wartung, Betreuung und sogar die schulinterne Fortbildung von einzelnen Lehrkräften übernommen werden, brauchen sie zumindest entsprechende Anrechnungsstunden und Unterstützung. In einigen GEW-Landesverbänden wird die Forderung nach einem festen Medienassistenten oder Netzwerkbetreuer immer lauter. Und nicht nur die technische und administrative Seite müsste personell flankiert werden, sondern auch die pädagogische und didaktische Arbeit. Langfristig sollten jedoch in jedem Fall die Stellenpläne so aktualisiert und von Unterstützung, Beratung und Fortbildung begleitet werden, dass sich die Lehrkräfte wieder auf ihre pädagogische Arbeit konzentrieren können. Die Computer und Arbeitsplätze der Lehrerinnen und Lehrer sollten in die Beschaffungs- und Wartungskonzepte einbezogen werden.
Die Forderung nach weitaus mehr Mitteln für Personal, Fortbildung und Unterstützung ist nicht realitätsfremd, wenn man die Investitionsplanungen von Unternehmen sowie die Ausgabenberechnungen schulischer Fachleute bedenkt. Kaum ein Unternehmen würde - im Verhältnis betrachtet - so viel Geld allein in die technische Ausstattung stecken, wie dies derzeit in der schulischen Computerbildung geschieht. Vielmehr wird hier in vielen Fällen die Hälfte der Ausgaben für die Ausstattung kalkuliert, ein Viertel für die Fortbildung der Beteiligten und ein weiteres Viertel für die laufende Unterstützung. Experten der Hochschule Zürich setzen die Kosten, die über die Hard- und Softwarebeschaffung hinausgehen, sogar bei 60 Prozent der Totalkosten an. Angesichts des bereits erwähnten niedrigen Nutzungsgrads der Geräte scheint eine umsichtige und ausgewogene Finanzplanung um so gebotener.
In zukünftige Ausstattungspläne müssen Qualitätsüberlegungen einfließen: dass alle Schülerinnen und Schüler aller Schulformen möglichst mehrmals pro Woche konzentriert am Computer arbeiten können, dass möglichst alle Fächer (und somit auch Lehrkräfte aller Fächer) partizipieren und dass die zeitliche und räumliche Organisation vielfältige Lernformen zulässt. Das spricht nicht gegen kleine Schritte oder eine modellhafte Einführung von Computertechnik in einzelnen Fächern und Schulstufen. Verschiedene Arten und Qualitäten der Mediennutzung sollten jedoch nicht durch voreilige Konzepte verbaut werden. Die Investitionen sollten vielmehr auf schulinterne Verbreiterung und Integration, pädagogische Übertragbarkeit und Flexibilität angelegt sein.Die Entwicklung von Qualitätskriterien könnte schließlich das Missverhältnis korrigieren, dass gemessen an den Technikausgaben zu wenig in die Pädagogik und die beteiligten Menschen investiert wird. Fragen der Austattung würden somit nicht mehr losgelöst diskutiert werden von Fragen der Pädagogik, der Qualität und der Chancengleichheit.Marianne Demmer, Martina Schmerr, GEW-Hauptvorstand
Der vollständige Artikel ist erschienen in: Beiträge Jugendliteratur und Medien. Vom Papiertheater zum Computer. 11. Beiheft 2001.








