Eine Bilanz nach 30 Jahren Sonderpädagogik
In einem amerikanischen Spielfilm mit Bill Murray läuft immer wieder die gleiche Szene ab – der Morgen des Murmeltiertags, an dem der Lauf des Murmeltiers das Frühlingswetter voraussagen sollte, wiederholt sich. Die Endlosschleife der Wiederholung vollzieht sich so lange, bis es bei Bill Murray Klick im Kopf gemacht hat.
Täglich erlebe ich in meiner Hauptschulabschlussklasse an einer Lernhilfeschule fast immer das Gleiche. Obwohl die Schülerinnen und Schüler eine Chance haben, durch einen solchen Abschluss ihre ohnehin begrenzten Marktchancen zu verbessern, wiederholen sich täglich ähnliche Szenen. Mehrere Mädchen zeigen Weltschmerzmienen, sodass der Fokus zunächst darauf gesetzt ist, ihnen Entlastung zu ermöglichen. W. kommt täglich fünf Minuten zu spät, und er hat wie immer keine Hausaufgaben gemacht, obwohl er eine gute Lehrstelle in der Tasche hat (Hauptschulabschluss vorausgesetzt). M. hat mal wieder ihre Unterrichtssachen zu Hause gelassen. Mit dem Erscheinen von N. ist vor zehn Uhr kaum zu rechnen, obwohl auch ihm inzwischen klar geworden ist, was ich ihm seit Monaten gepredigt habe. Sein Hauptschulabschluss würde wegen der dadurch verbesserten Sozialprognose die Chance auf ein Bleiberecht in Deutschland erhöhen. Leider ist diese Einsicht jedoch immer noch nicht vom Kopf zu den Füßen gelangt. Auch an diesem Tag fehlt es für die Mathestunde an dem einen oder anderen Taschenrechner (Gott sei Dank gibt es inzwischen Handys dafür), ferner an Linealen, Winkelmessern und Zirkeln.
Doch auch das wiederholt sich: Schülerinnen zeigen die gemeinsam erarbeitete Hausaufgabe, denn sie treffen sich nachmittags in Gruppen, um miteinander zu lernen, und P. und G. sitzen eng umschlungen und schauen gemeinsam auf den Deutschtext und lesen ihn sich gegenseitig vor. G. ist Jüdin, P. Muslima. Sie sind nicht lesbisch, sie sind Freundinnen, die ihre Freundschaft jeweils rechtfertigen müssen.
Gott sei Dank gibt es auch solche Szenen von Austausch und Verbundenheit, die einem das eigene Hängenbleiben am täglich Defizitären erschweren. Sonst haben wir nämlich selbst „Murmeltiertag“ und achten nur noch auf sich wiederholende Probleme und lassen uns davon herunter ziehen. Eine solche Negativspirale kann zunächst dazu führen, dass Veränderungen und Wachstumsprozesse immer seltener wahrgenommen werden und sich schließlich immer seltener ereignen. Der Weg zum Burnout im Strudel der auch selbst verursachten Erfolglosigkeit ist damit vorprogrammiert. Manchmal verlangt es aber nach einer „Kunst der Wahrnehmung“ in Anbetracht der ins Auge springenden Defizite, die kleinen Pflänzchen nicht zu übersehen.
Es wird mir in 30 Jahren Sonderpädagogik immer unverständlicher, warum so wenige Kolleginnen und Kollegen die Chance zur Wahrnehmungsschulung durch Supervision nutzen. Die globalen Wahrnehmungsstörungen unserer Schülerinnen und Schüler können doch nur durch Sensibilisierung der Pädagogen vermindert werden. Wir können doch nicht klagen, „dass die Brötchen immer kleiner werden, wenn wir selbst den Ofen nicht anwärmen!“ Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Struck fordert zu Recht, dass Lehrerinnen und Lehrer heutzutage diagnostische und therapeutische Qualifikationen benötigen. Ich selbst biete Fortbildungen an, die diese Basisqualifikation thematisieren. Sozialpädagogen erreiche ich damit gut, weniger aber die Lehrkräfte.
In Anbetracht einer „Daumenschraubenpolitik“ wird es meines Erachtens zu einer professionellen Überlebensstrategie für die Lehrerinnen und Lehrer, sich weiter zu qualifizieren, um dem wachsenden Belastungsdruck und der Vielfalt der Anforderungen begegnen zu können. Flexibilität und Introspektion gehören jedoch nicht zu den Primärzielen unserer pädagogischen Ausbildungen, nicht einmal zu den Sekundärzielen. Immer engere Leistungstakte sind in Gefahr, immer engere Sichtweisen von Unterricht und Schülerverhalten zu evozieren. Doch vieles, was sich uns als Sonderpädagogen stellt, lässt sich mit einem guten Unterricht allein nicht lösen. Doch noch selbstverständlicher als in meiner Referendarzeit in den siebziger Jahren grassiert heute die Ideologie von der Bedeutsamkeit der guten Vorführstunde zur Qualifizierung von angehenden Lehrkräften und zur Lernaktivierung der Schülerinnen und Schüler.
In 30 Jahren kaum Veränderungen
Ich erlebe dies bei meiner ersten Tochter, die gerade im Sonderschulreferendariat ist. Dies wird sich für mich nochmals wiederholen. Denn auch die zweite Tochter geht den gleichen Weg. Als Vater, aber auch als älterer Kollege, würde ich ihnen diese „Tretmühle der Dauerpräsentation“ gerne ersparen.
Am Vorabend einer Vorführstunde, an der das ganze Seminar teilnimmt, zeigt mir meine erste Tochter Bilder von ihrer Klasse 1 – 3 einer Lernhilfeschule. Es sind Bilder von einem Ausflug zu einem nahen Freizeitpark, mit denen sie die Kinder für den Seminarbesuch positiv einstimmen möchte. Obwohl dies Fotos in Freizeitsituationen sind, erschrecke ich. Nie hätte ich gedacht, dass die Kinder, von denen sie immer wieder mit einer Mischung von Mitleid und Verwunderung sprach, so gezeichnet sein könnten. Das Unglück ihrer gesamten Existenz spricht den meisten aus dem Gesicht. Es sind Kinder, für die der positive Platz in ihrem Leben nicht sicher zu sein scheint. Für sie sind Beziehungserfahrungen mindestens ebenso wichtig wie Lernerfahrungen. Doch wer bahnt dies an, wer ist dazu ausgebildet, damit der „Urschrei des Zu-Kurz-Gekommen-Seins“ nicht immer wieder die Lernfortschritte beeinträchtigt?
Es hat sich eigentlich wenig verändert. Meine Tochter hat ähnliche Kinder wie ich damals Mitte der siebziger Jahre, als ich an einer Frankfurter Schule für Erziehungshilfe eine Gruppe von Erstklässlern zu betreuen hatte, die mich im Kontakt aufs Äußerste heraus forderten. Doch so anstrengend dies auch war, ich hatte institutionalisierte Supervision, eine Nachmittagsbetreuung für die Kinder, und mit den Eltern bestanden sehr regelmäßige Kontakte. Ich war an einer Erziehungshilfeschule tätig und musste bei meinem Wechsel an eine Lernhilfeschule Jahre später feststellen, dass einem dort ähnliche Kinder begegnen. Diese Erfahrungen, aber auch die Klasse meiner Tochter, zeigen: Noch immer ist es nicht gelungen, eine Differentialdiagnose zwischen Lern- und Erziehungshilfeschülern vorzunehmen oder aktualisierter formuliert: Noch immer ist es nicht gelungen, hinter den Lernproblemen mancher Kinder deren Bedürftigkeit wahrzunehmen und dafür pädagogische Bezugsformen und Konzepte zu entwickeln.
Was ist mit den Spuren von 30 Jahren pädagogischer Tätigkeit? Die Sonderpädagogik hat in mir Spuren hinterlassen. Schon von Anfang an berührten mich die Kinder tief. Sie sprachen das Unbewältigte und das Ähnliche in mir an. Ich spürte eine Affinität zu den Kindern. Dies stellt eine Chance, aber auch eine Gefahr dar. Die schwierige Arbeit mit den schwierigen Kindern erfordert jedoch nicht nur eine persönliche psychodynamische Balance. Sie rüttelt nach meiner Erfahrung auch an den Glaubenssätzen. Der Glaube an ein Miteinander der Kulturen wird immer wieder heftig erschüttert. Auch die Vorstellung von einem Selbstorganisationsprinzip, die uns zum Gestalter unseres Lebens werden lässt, das mich als Gestalttherapeuten trägt, gerät immer wieder auf den Prüfstand. Das Gespaltensein, einerseits Sozialisationsagent und Defizitdiagnostiker zu sein, zum anderen an das Eigene der Kinder und die Eigenständigkeit von Kindheit zu glauben, stellt immer wieder einen schwierigen Balanceakt dar. Je mehr ich von Traumapädagogik und -therapie erfahre, um so mehr spüre ich, von wie vielen oft schwer traumatisierten Kindern ich umgeben bin – ein Aspekt, der sonderpädagogisch weitgehend negiert wird. Ich konnte aber auch erfahren, dass viele von ihnen Lebens- und Überlebenskünstler sind. Da kann ich von meinen Schülerinnen und Schülern noch etwas lernen.
Habe auch ich Spuren hinterlassen? Sicherlich weniger als ich dies gerne getan hätte. Durch Lehrerfortbildung kann man kaum prägend wirken. Die Schülerinnen und Schüler haben oft und immer öfter andere „Prägefaktoren“ als ihre Lehrerinnen und Lehrer. Von den vielen Manuskripten, die ich geschrieben habe, erhielt ich im Schnitt etwa eine Rückmeldung. Im Großen und Ganzen haben es alle geschafft, wenn ich sie mehrere Jahre betreut habe. Manch einer von ihnen besucht mich auch noch viele Jahre danach. Sind es Spuren, dass meine Töchter beide Sonderpädagogik studieren? Als ich mit der Sonderpädagogik anfing, war ich zutiefst verunsichert davon, so viele bizarre oder auch gebrochene ältere Kolleginnen und Kollegen zu erleben. Dies schien mir zu suggerieren, das kannst du nicht auf Dauer machen. Es wäre schön, wenn der eine oder andere jüngere auch prüfend zur nächsten Generation blicken würde und mich als jemanden wahrnehmen würde, der trotz allem dafür steht, dass man auch 30 Jahre dranbleiben kann ohne „aus der Spur zu sein“.
Es steht zu befürchten …
Bei der Frage, was sich denn in 30 Jahren Sonderpädagogik so verändert hat, fällt mir als globale Antwort ein: Gemessen daran, wie rapide sich die Welt in dieser Zeitspanne verändert hat, erstaunlich wenig! Zwar gibt es den Gemeinsamen Unterricht und Beratungs- und Förderzentren. Doch die Unterrichtszentrierung der Lernhilfeschulen als Kernstück der Sonderpädagogik, der Mangel an Erziehungshilfepädagogik, die mangelnde Ressourcenorientierung der sonderpädagogischen Diagnostik bestehen nach wie vor. Leider trifft die Expansion sonderpädagogischer Dienste auf Regelschulen, die im Rahmen des Pisa-Schocks um die Straffung ihrer Lernorganisation bemüht sind. Der Blick auf den Einzelnen, um den sich die Sonderpädagogik bemüht, geht da schnell verloren. Zu wenig nachhaltig wurde es bisher als gemeinsame Aufgabe von Sonderpädagogen und Regelschullehrkräften formuliert, sich um die Lernschwachen und von Desintegration Betroffenen zu kümmern. Die in gegenseitiger Rivalität um Einstellungsnoten erworbene Einzelkämpfermentalität von Lehrerinnen und Lehrern steht der Notwendigkeit zu basaler Kooperation oft entgegen.
Es ist zu befürchten, dass vermeintliche Fortschritte in der sonderpädagogischen Arbeit an Regelschulen formal aus Kostengründen, aber inhaltlich fundiert durch eine erneute pädagogische Engstirnigkeit, zurück gefahren werden sollen. Dafür gibt es durch die versuchte Stellenstreichung für Sonderpädagogen im Gemeinsamen Unterricht in Frankfurt schon Anhaltspunkte. Es ist zu befürchten, dass die typisch deutsche PISA-Antwort auch zu einer erneuten Verengung des sonderpädagogischen Arbeitsauftrages führt. Denn uns droht eine Vereinheitlichung und eine Einnivellierung. Von PISA lernen darf nicht heißen, sich auf die typisch deutschen Tugenden zu besinnen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass im deutschen Bildungssystem „Murmeltiertag“ ist. Innovation und Kreativität müssen höher rangieren als Vergleichbarkeit und formale Gerechtigkeit.
Dr. Volkmar Baulig








