Selektion perfektioniert, Kontrolle verschärft
Kategorie: Schulgesetznovelle

 

Vom: 17.03.04

Die geplanten Änderungen des Schulrechts sind ein weiterer Schritt des konservativen Roll Back: Querversetzung bis Klasse 8, Schulzeitverkürzung bis zum Abitur auf 12 Jahre, „praxisorientierte“ Sonderklassen an Hauptschulen, Fortbildungs„pflicht“, Unterrichtsbesuche zur Kontrolle der Lehrkräfte, „Zielvereinbarungen“ mit der Schulaufsicht...

Kontrollen und Überprüfungen ersetzen die gründliche Analyse und Konzepte zur pädagogischen und inhaltlichen Fortentwicklung der Schule. Internationale Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse werden ignoriert: So wurde in den USA nachgewiesen, dass die Schulleistungen in Bundesstaaten mit hoher Selektion schlechter sind als in Staaten mit niedriger. Ideen zur Qualitätsentwicklung fehlen, ebenso die notwendigen Ressourcen zur Verbesserung des Unterrichts, zur kollektiven und vor allem individuellen Förderung der Schülerinnen und Schüler.

Der neue Terminus „Förderschule“ für die „Sonderschulen“ ist fast schon zynisch, schiebter doch Schülerinnen und Schüler, die Förderung brauchen, in eine eigens eingerichtete Schulform ab: Förderung ist nicht mehr zentrale Aufgabe aller Schulformen.

Baron Münchhausen, der sich an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht, ist Leitbild hessischer Bildungspolitik, wo sich die Eliten im Turbogymnasium intellektuell befruchten und auf ihre Führungsrolle in Staat und Wirtschaft vorbereiten. Behinderte und Benachteiligte bleiben unter sich in der „Förderschule“. Die Masse der mittelmäßig Begabten besucht die Schulformen dazwischen. Ganz nebenebei wird den Schülerinnen und Schülern so vermittelt, wo später einmal der Platz in der Gesellschaft ist. In jeem Volk gibt es eben Führer und Untertanen, oben und unten und auch noch etwas in der Mitte (real!).

Ohne Förderung und „Ehrenrunden“ werden schwache Gymnasialschülerinnen und Gymnasialschüler an Haupt- und Realschulen und Gesamtschulen abgeschoben. Die „praktisch bildbaren“ Hauptschülerinnen und Hauptschüler kommen in „praxisorientierte“ Sonderklassen. Die ungeliebten BVJ- und BGJ-Klassen werden auf diesem Weg ausgedünnt, und für arbeitslose Jugendliche in den „Jungarbeiterklassen“ wird die Berufsschulpflicht gleich ganz abgeschafft.

Schulpolitischer Leitfaden der CDU ist die Selektivität. Sie frönt längst überholten Begabungstheorien und scheut egalitäre Traditionen, die das Schulsystem vor allem in den skandinavischen Ländern prägen, wie der Teufel das Weihwasser. Der Obrigkeitsstaat organisiert ungleiche Bildungsmöglichkeiten, zementiert soziale Ungleichheit und verhindert das Ausschöpfen von Begabungsreserven. Diese Bildungspolitik steht im Widerspruch zu allen neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen, den Erfahrungen in Ländern mit leistungsfähigeren Bildungssystemen und zunehmend auch zur Fortentwicklung der Produktivkräfte. Sie schadet der Produktivität und Innovationsfähigkeit von Gesellschaft und Wirtschaft. Dem Arbeitsmarkt stehen zu wenig ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung – ein „Standortnachteil“ sowohl für die Betroffenen wie für hessische Unternehmen.

 

Widersprüche nutzen

Wir müssen diese Widersprüche nutzen, um die Bildungspolitik dieser Landesregierung offensiv zu kritisieren. Es gibt eine Chance zu breiteren Bündnissen gegen diese Regierung bis ins Lager der Unternehmer hinein. Die Theorie- und Wissenschaftsfeindlichkeit dieser Politik bietet uns, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, eine Chance, unserem Namen Rechnung zu tragen, inhaltliche Felder zu besetzen und Fundamente dieser Politik erfolgreich öffentlich in Frage zu stellen. Der Kampf um die Köpfe muss organisiert werden!

 

Christoph Baumann

stellvertretender GEW-Landesvorsitzender