Titelthema: Von der Schwierigkeit der Erinnerung und vom Reiz der Auseinandersetzung mit Geschichte über gelebten Widerstand [1]
Kategorie: HLZ

Von: Manon Tuckfeld

Vom: 03.11.11

Dass das Wissen über den Namensgeber der Carl-von-Ossietzky-Schule gering war, zeigte sich bereits beim Einstieg in die Einheit, die sich zum Ziel gesetzt hatte, bewusst zu machen, welchen Namen diese Schule gewählt hatte und in welchen spezifischen historisch-politischen Kontext sie sich damit gestellt hatte.

Doch Erinnern ist so eine Sache. Nicht jeder erinnert sich gern an alles. Manch ein Schul- oder Straßenname soll vielleicht in Vergessenheit geraten, überschrieben werden. Andere sind willkommen oder werden neu gewählt. Und weil das so ist, ist die Auseinandersetzung um das Erinnern auch immer ein „Kampf um die Herrschaft über Andenken und Tradition.“2

Doch was bedeutet Erinnerung? Nur auf den ersten Blick bedeutet es, sich in das (scheinbar) sehr individuelle ‚Reich‘ des Gedächtnisses zu begeben. „Erinnern ist eine sich in der Gegenwart vollziehende Operation des Zusammenstellens (re-member) verfügbarer Daten. Vergangenheitsversionen ändern sich mit jedem Abruf, gemäß den veränderten Gegenwarten.“3

Schon hier zeigt sich, dass selbst der persönlichste Erinnerungsvorgang eine Konstruktion ist. „Erinnern geht immer einher mit Neu-Einschreiben (…). Denn bei einem erneuten Konsolidierungsprozess wird auch der Kontext, in dem das Erinnern stattfindet, ‚mitgeschrieben und der neuen Erinnerung beigefügt. Es ist dann nicht auszuschließen, dass die alte Erinnerung dabei in neue Zusammenhänge eingebettet und damit aktiv verändert wird‘.“4

So geht es also weder im Bereich des scheinbar individuellen Gedächtnisses, noch im Bereich der Geschichte um die Reproduktion des immer Gleichen, sondern um spezifische Zugriffe und damit um Rekonstruktionen. Dieses ‚Individuelle‘, das zentral ‚kollektive‘, zeitgeschichtliche und interessengebundene Komponenten hat, wurde im Konzept der Spurensuche aufgegriffen: „daß Spurensuche der Aktivierung aller Sinne und der geduldigen Übung bedarf … daß Spurensuche »Begleitung« eines Pfades ist, der Schritt für Schritt in die Vergangenheit (…) führt, … daß »Begleitung« gerade nicht heißt, daß man selbst auch auf dem ausgetretenen Trampelpfad, dem “main stream”, läuft (also nicht in der Spur der gängigen Wahrnehmung und Geschichtsdarstellung), ... sondern daß man quasi parallel dazu, in ständigem Kontakt mit der zu verfolgenden Spur, einen eigenen Weg gehen muß ... daß Spurensuche Beziehungen zu jenen Menschen stiftet, die diese Spuren, (…) hinterlassen haben, ... daß die Spurensuche selbst Spuren hinterläßt, (…)“5

Die Spur, die es zu verfolgen galt, war die von Carl von Ossietzky. Dabei ist unsere Schule kein Erinnerungsort in dem Sinne, dass Ossietzky tatsächlich irgendwann einmal auch nur in der räumlichen Nähe zugegen gewesen wäre. Umso deutlicher, dass hier ‚Erinnerung‘ politisch konstruiert wird. Im ersten Schritt also Spurensuche in Bezug auf ‚Spuren‘ des Namensgebers, die in der Schule selbst bereits sichtbar waren. Wiewohl diese Suche individuell angelegt war und die ganze Reihe diesen Ansatz aufrechterhielt, war damit nicht Beliebigkeit verbunden. Unter Erziehung wurde ein Prozess der Auseinandersetzung mit der Mit- und Umwelt verstanden, der im schulischen Rahmen zielgerichtet entfaltet wird. Verbunden mit dem Auftrag der Wertevermittlung heißt dies für die Carl-von-Ossietzky-Schule eine an Ossietzkys Werten ausgerichtete Aneignung und Auseinandersetzung mit der schulischen Wirklichkeit.

Das Wort Auseinandersetzung deutet dabei das nicht auflösbare Spannungsverhältnis, das mit diesem Prozess der ‚Aneignung‘ notwendig verbunden ist, an. Ein wertorientierter, zielgerichteter Prozess, der die Selbstbestimmung des Einzelnen fördert, muss sich gleichzeitig am Ideal der Mündigkeit orientieren. Das schließt das Diktat des Erinnerns genauso aus, wie die heroisierende Stilisierung von werttragenden Leitfiguren6.

Dieser kritisch-reflektierte Umgang mit verordneten Idealen hat sich aber nicht durch den Verzicht auf erzieherische Einwirkung auszudrücken, sondern in der Art und Weise der Konfrontation mit den Idealen und Vorstellungen von Ossietzky. Werte dürfen nicht aufoktroyiert werden. Eine entmündigende Erziehung zur Mündigkeit ist undenkbar. Mündigkeit ist nicht nur Ziel, sondern notwendig Prozess. Erinnern ist ein verantwortungsbewusster, offen gestalteter Prozess, der mit historischen Arbeitstechniken und Erkenntniswegen operiert. Ein Prozess, der so umfassend angelegt ist, dass eigene Urteile möglich sind, um die Werte als zwar historisch Ossietzky zuzuordnende wahrzunehmen, aber diese gleichsam für Heute fruchtbar zu machen: für die Persönlichkeitsentwicklung und die Schulgestaltung.

Die Didaktisierung

Sich einer historischen Figur zu nähern, ist oft für die S&S ein reizvolles Unterfangen. Erst einmal anders bei Ossietzky. Seine Interventionen sind detail- und kenntnisreich, sie sind wochenaktuell und diskursiv. Besteht der Anspruch, mit Originaltexten zu arbeiten und nicht mit Idealisierungen und Zuschreibungen, so wird es schwierig. Hinzu kommt ein Zweites: der Ossietzky, der von den Nationalsozialisten im KZ festgehalten wurde und der an den Spätfolgen der Tortur starb, der Ossietzky der Antifaschisten also, ist nicht die historische Person Ossietzky. Sicher: Die Inhaftierung durch die Nazis ist ein wesentliches Moment. Doch Ossietzky war durch seine Auseinandersetzung mit dem Militarismus, den Kontinuitäten der Machteliten, dem mentalen und realen Wilhelminismus der Weimarer Republik, der ‚Republik ohne Republikaner‘, erst zu der Person geworden, die dann von Häschern der Polizei und SA in der Nacht des Reichstagsbrands festgenommen wurde.Ossietzky war den Nazis auf Grund seiner Weimarer Interventionen so verhasst, dass einer der neun ‚Feuersprüche‘, die bei den Bücherverbrennungen 1933 gemeinsam skandiert wurden, ihm ‚gewidmet‘ war.7

Ossietzky und die Zeit der Weimarer Republik sind somit zutiefst verbunden. Ein Zusammenhang der dem kollektiven Gedächtnis entrückt wird, den es aber gerade deswegen zu stärken galt. Denn in keiner Weise der Person gerecht werdend erschien mir, ihn nur als denjenigen wahrzunehmen, der an den Folgen seiner Inhaftierung in KZs im Nazi-Deutschland starb. So verbot sich die sehr viel einfachere und glatte Befassung mit dem ‚antifaschistischen Helden‘. Das bringt Schwierigkeiten mit sich: selbst in der  Jahrgangsstufe 11 ist das Wissen über die Weimarer Republik nicht so tief, dass eine Person wie Ossietzky historisch eigenständig kontextualisiert werden kann.

Schwierig also, wenn man Ossietzkys Worte, Taten und Werte gerade nicht ‚zeitlos‘ diskutieren möchte. Nur in überhistorischen Werten den Schwerpunkt zu setzen, hätte fast zwangsläufig den zeitlosen, der Diskussion entzogenen ‚großen Mann‘ präsentiert. Dem hätte zwar (zu Recht) Ehrfurcht gebührt, den kritischen Diskurs mit Vergangenem hätte dieses Vorgehen aber nicht angeregt. Also über Inhalte. Doch welche? Das Repertoire der ‚Weltbühne‘ schien unendlich und viele Texte ließen einen noch tiefer in das Tagesgeschäft eines Journalisten gleiten. Ausgehend von einer biographischen Befassung, wurden exemplarische thematische Schwerpunkte zur inhaltlichen Auseinandersetzung gewählt. Hier waren gerade die bis heute noch politisch kontrovers beurteilten Interventionen Ossietzky von großem Interesse. Sein Handeln im Zusammenhang mit dem ‚Blutmai‘, das ihn zur politischen Zielscheibe der rechten Sozialdemokratie werden ließ, seine weitsichtige Intervention gegen die Wahl Hindenburgs und seine, in diesem Zusammenhang schlüssige Entscheidung, zur Wahl des Kommunisten Thälmann aufzurufen.

Hinzugefügt wurde, soweit es thematisch passte, Persönliches, um eben auch am Thema der, das tagesaktuelle Handeln Ossietzkys prägenden Werte zu arbeiten. Wenn die Primärquellen sich zu sehr der Interpretation und Einordnung entzogen, wurde durch Sekundärliteratur assistiert. Und um den S&S die Orientierung zu erleichtern, wurde das Biographische mit dem Allgemein-Historischen auf einer von den S&S erstellten Zeitleiste materiell sichtbar gemacht und in Beziehung gesetzt. So wurde visualisiert, was Erkenntnis werden sollte: dass Ossietzky sich mit seinen stilistisch brillanten Analysen den Geburtsfehlern der Republik und der Tradierung des Vordemokratischen auch durch die Republikaner, die mit den alten, zu einem Großteil aggressiv-antidemokratischen Eliten sich zu leicht arrangierten, gar mit ihnen paktierten, entgegengestellt hatte. Dieser Kernbestand seines politischen Denkens, Schreibens und Handelns konnte und durfte nicht ausgeblendet werden, sondern musste in der Befassung deutlich werden. Wenn auch didaktisch reduziert, wurde nicht sein Tod, sondern sein Leben, das bis heute sehr kontrovers bewertet wird8 oder vergessen ist (wobei letzteres viel schwerer wiegt!), Bestandteil der inhaltlichen Befassung mit seiner Person.

Ergebnisse

Die Erfahrungen mit der Durchführung sind in fast allen Bereichen ausgesprochen positiv. Das wichtigste Mittel des Erfolgs war Zeit. Zeit, Ossietzky kennenzulernen und ihn darauf befragen zu können, wer er war, was er wollte und was er den S&S und der Schule bedeuten könnte. Dies fächerübergreifend: im Kern in Geschichte und PoWi, aber auch durch Linoleumschnitte im Kunst- und Kompositionen im Musikunterricht. Auch die Spurensuche, das bewusste Wahrnehmen des Umfelds, war im hohen Maß motivationsfördernd. Die S&S erkannten spontan den Sinn der Befassung.

Sie wollten nicht mehr ‚blind‘ sein, sondern sehen und wissen. Dies schuf im angenehmsten Sinne des Begriffs Identität. Identität mit der Lerngruppe und mit der Schule. Aber auch die S&S selbst veränderten sich. Dies zu erreichen, bedarf der intensiveren Befassung. Eine Lerneinheit, die rein auf der Vermittlung von (historischem) Wissen beruht, isoliert aus einem in Eigeninitiative zu leistenden Erkenntnisprozess leblose Teilaspekte. Die Auseinandersetzung mit Ossietzky muss auch eine Auseinandersetzung mit der Lebenswirklichkeit der S&S ermöglichen. Gelungen ist dies über die Befassung mit dem Umfeld (Schule/Straßennahmen) und durch die offene Strukturierung der Lerneinheit. Die Ergebnisse der ‚Freiarbeit‘ waren vielfältig und absolut überzeugend.

So entstand ein markantes Bild mit einem Bekenntnis Ossietzkys, das er, von der Entwicklung der Republik resigniert, zum Ende der Weimarer Zeit fällte: „Die Flagge, zu der ich mich bekenne, ist nicht die schwarz-rot-goldene dieser entarteten Republik, sondern der Banner der antifaschistischen Bewegung.“ Dialoge wurden entworfen, die sich mit dem angespannten Verhältnis zwei so unterschiedlicher Charaktere wie Tucholsky und Ossietzky befassten. Zwei S&S schlugen das Projekt ‚Kopfkino‘ unter dem schönen Motto ‚Auf einen Blick – Freie Sicht auf die Geschichte‘ vor. Hier entstand beispielweise das Comic ‚Brombeeren & Bananen‘, das sich, von einem kritischen Zitat Ossietzkys ausgehend, mit dem Verhältnis der Sozialdemokratie zu Sozialismus und mit dem ‚Blutmai‘ befasst. Am ungewöhnlichsten: das Tanz-Projekt ‚Ossietzky bewegt‘, das eine tänzerische Interpretation von Ossietzky-Zitaten unternahm.

Zusammengeführt und dargestellt wurden die unterschiedlichen Ansätze in einer Projektwoche. Das Ergebnis, eine dreiviertelstündige Collage von SchülerInnenprodukten zu Ossietzky: eine Ossietzky-Revue. Hier wurde gerappt, gedichtet, gesungen, gelesen, getanzt und sich mit Frage befasst, ob unsere Schule ihren Namen zu Recht trägt. Dabei wurde die Balance zwischen ausgelassener Kreativität und thematischer Ernsthaftigkeit durchweg gehalten. Eine wichtige Erfahrung. Für die S&S und für mich. So viel Begeisterung und Engagement bei den S&S – da sprang der Funke über. Und so gewann die Klasse mit dem Projekt in der Kategorie ‚Ideen für Wiesbaden‘ den ersten Preis beim Leonardo Schul Award 2011.

Manon Tuckfeld, Carl-von-Ossietzky-Schule Wiesbaden

Quellenverzeichnis
[1] Dieser Ansatz ist im Rahmen meiner Examensreihe für eine 11. Klasse des Oberstufengymnasiums Carl-von-Ossietzky-Schule in Wiesbaden entwickelt worden.
[2] Jacques  Le Goff, Jacques, 1992: Geschichte und Gedächtnis, Frankfurt/M. / New York 1992, S. 135
[3] Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, Stuttgart / Weimar 2005, S. 7
[4] Harald Welzer / Sabine Moller / Karoline Tschuggnall, ‚Opa war kein Nazi‘. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, 6. Auflage, Frankfurt/M. 2008, S. 203 unter zitierender Bezugnahme auf den Hirnforscher Wolf Singer (vgl. Singer, Wahrnehmen, Erinnern, Vergessen. Über Nutzen und Vorteil der Hirnforschung für die Geschichtswissenschaft: Eröffnungsvortrag des 43. Deutschen Historikertags am 26.09.2000 in Aachen). Diese Ergebnisse sind u.a. Bestandteil der Untersuchungen über das Familiengedächtnis und machen deutlich, dass vermeintliche Authentizität nicht immer authentisch und dass mit Zeitzeugen und Oral History mit Bedacht und theoriegeleitet zu agieren ist.
[5]  Peter Gstettner, Spurensuche, abzurufen unter: www.erinnern.at/bundeslaender/oesterreich/e_bibliothek/seminarbibliotheken-zentrale-seminare/padagoginnen-als-gedachtnispolitische-akteure/644_Gstettner%2C%20Spurensuche.pdf
[6] Vgl. Theodor W. Adorno, Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt/M.,1971, S. 107: „Ich möchte dabei nur auf ein spezifisches Moment eingehen, das der Heteronomie im Begriff des Leitbildes, das Autoritäre, von außen willkürlich Gesetzte. (…) Die Tendenzen, von außen her Ideale zu präsentieren, die nicht aus dem mündigen Bewußtsein selbst entspringen, oder besser vielleicht: vor ihm sich ausweisen, diese Tendenzen sind stets noch kollektivistisch-reaktionär. Sie weisen auf eine Sphäre zurück, der man nicht nur äußerlich politisch, sondern auch bis in sehr viel tiefere Schichten opponieren sollte.“
[7] „9. Rufer: Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften von Tucholsky und Ossietzky!“,  Quelle: „Neuköllner Tageblatt“, Freitag, den 12. Mai 1933, Nr. 111
[8] Vgl. etwa die (von ihm selbst so genannte) Polemik von Hans-Ulrich Wehler (Leopold Schwarzschild contra Carl v. Ossietzky, in: ders., Preußen ist wieder chic ..., Frankfurt/M. 1983 S. 77-83)  gegen Ossietzky. Dort auch die in meinem Zusammenhang besonders passende Aussage: „Angesichts dieser Verwirrung des politischen Urteils [Ossietzkys, M.T.] bleibt es mir schlechterdings unverständlich, warum eine neue westdeutsche Universität ausgerechnet nach Carl v. Ossietzky benannt werden sollte“ (S. 79). Dagegen die insgesamt äußerst lesenswerte Darstellung von Elke Suhr, Carl von Ossietzky. Eine Biografie, Köln 1988, S. 19 mit weiteren Nachweisen zur Kritik an Ossietzky.