Misserfolg in der Schule?
Kategorie: HLZ

 

Vom: 31. März 2009

Kinderarmut bedeutet vor allem Armut an Entwicklung und Bildung

Von Gerda Holz

Gerda Holz

Gerda Holz ist wissenschaftliche Referentin am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt (ISS), einer „Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, das wissenschaftliche und praxisorientierte Dienstleistungen für Ministerien, Kommunen, Wohlfahrtsverbände und Einrichtungsträger erbringt" (www.iss-ffm.de). Gerda Holz war im ISS für die erste bundesdeutsche Langzeitstudie zur Armut von Kindern bis zum Ende der Grundschulzeit (AWO-ISS-Studien) verantwortlich. Diese wird ab Mai 2009 fortgeführt mit dem Ziel, die Lebenslage und den Lebensverlauf der dann 16-jährigen Jugendlichen nach Ende des 10. Schuljahres erneut zu erforschen. Der folgende Beitrag konzentriert sich auf die Bildungsarmut von Kindern, ihr größeres Risiko eines Misserfolges in der Schule und die mögliche Rolle der Schule als „Schutzfaktor für arme Kinder".

Armut ist mehr als der Mangel an Geld einzelner Familien. Sie erscheint als individuelles Problem und zeigt sich in gesellschaftlichen Folgen. Sie beraubt Menschen ihrer materiellen Unabhängigkeit und damit der Fähigkeit, über ihr „Schicksal" und das ihrer Kinder selbst zu entscheiden. EU-weit wird Armut bemessen anhand des Einkommens. Die Grenze liegt bei 50 % beziehungsweise 60 % des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens (Median). Hierzulande wird dabei auch hilfsweise Bezug genommen auf den Anspruch auf Sozialtransfers nach Sozialgesetzbuch II (Arbeitslosen- bzw. Sozialgeld).

Ende 2008 lebten in Deutschland rund 1,8 Millionen unter 15-Jährige von Sozialgeld. Kinder im Vor- und im Grundschulalter sind dabei am stärksten betroffen - und das in der Altersphase mit dem größten Potenzial zur Herausbildung individueller Ressourcen und Kompetenzen.

Den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft – ein entscheidender Indikator ist Armut – und Bildung weist PISA für die formale Bildung bei 15-Jährigen nach. IGLU zeichnet die Verbindung für das Grundschulalter auf. Die AWO-ISS-Studien belegen, dass dieser Prozess vor der Schulzeit beginnt und sich in der Grundschulzeit sowohl entscheidend ausprägt als auch verfestigt. Scheinbar ist bereits dann der weitere Lebensweg von Zehnjährigen festgelegt. Dazu einige Fakten der AWO-ISS-Studien:
• Bei armen Kindern gibt es häufiger verfrühte oder verspätete Einschulungen. Mit der Dauer der Armut steigt das Risiko des Sitzenbleibens.
• Knapp 30 % der armen und nur gut 8 % der nicht-armen Kinder wiederholten in der Grundschule mindestens einmal eine Klasse. Kinder, die bereits im KiTa-Alter Sprach- oder Arbeitsauffälligkeiten zeigten, gehörten weitaus häufiger zur Gruppe der Klassenwiederholer.
• Die Durchschnittsnoten in sieben von acht untersuchten Kern- und Nebenfächern wie Mathematik, Deutsch, Englisch aber auch Kunst, Musik, Ethik/Religion sind bei armen Kindern deutlich schlechter als bei nicht-armen. Die besten Durchschnittsnoten finden sich stets in der Gruppe der Kinder mit relativ gesicherten Familienfinanzen und die schlechtesten in der Gruppe der armen Kinder.
• Ein hochsignifikanter Zusammenhang besteht zwischen dem Bildungsgrad und der wirtschaftlichen Lage der Eltern. Festgemacht an den Bildungsabschlüssen der Eltern (hier der Mütter) weisen die Mütter armer Kinder einen erheblich schlechteren Bildungshintergrund auf (maximal Hauptschulabschluss). Nur ein Viertel der armen Mütter hat mindestens Realschulabschluss gegenüber zwei Drittel der nicht-armen Mütter. Auch streben Eltern mit einem guten Bildungsabschluss (mindestens Realschulabschluss) eine bessere Bildung für ihre Kinder an.
• Allgemein erhalten arme Kinder durch die Grundschule weitaus weniger Chancen für eine erfolgreiche Schulkarriere. Bei gleich gutem Bildungsniveau einer nicht-armen und einer armen Mutter sind die Chancen des nicht-armen Zehnjährigen, auf ein Gymnasium zu kommen, mehr als viermal höher als die des armen. Bei gleich schlechtem Bildungsniveau einer nicht-armen und einer armen Mutter sind diese Chancen für nicht-arme Kinder immer noch mehr als doppelt so gut.
• Ein weiterer Indikator für den Schulerfolg in der Grundschule sind die Noten und damit ein notenbasiertes kindliches Leistungsniveau. Bei guten Noten kommen fast alle Kinder auf die Realschule oder das Gymnasium – aber arme Kinder weisen als Gruppe schlechtere Noten auf. Ob sie tatsächlich dümmer oder fauler sind oder ob arme Eltern sich weniger um ihre Kinder kümmern, sei dahin gestellt. In den Daten der AWO-ISS-Studien finden sich dafür keine Belege. Die zweitwichtigste Variable ist der Bildungshintergrund der Eltern: Die Kinder aus bildungsnäheren Elternhäusern erhalten nicht nur im Durchschnitt bessere Noten, sondern wechseln – unabhängig von den Noten – auch auf die „besseren" Schulen. Als dritte, aber schon längst nicht mehr so starke Variable nimmt das Lernklima – im Sinne der schulischen Umgebung – Einfluss auf die Schullaufbahn. Dieses kommt vor allem den Kindern aus nicht-armem und bildungsnäherem Elternhaus zugute.
• Die größte Gruppe der Kinder mit Armutserfahrung erreicht maximal die Realschule (20,4 %), während mit großem Abstand (36 %) die niemals armen Kinder auf das Gymnasium wechseln. Der zentrale „Treffpunkt" sozialer Integration von armen und nicht-armen Kindern ist die Realschule (20,4 % beziehungsweise 20,8 %), die damit heute gesamtgesellschaftlich Integrationsleistungen erbringen muss, die kaum gewürdigt werden.

Die Tatsache, dass es immerhin noch 20,4 % der Kinder mit Armutserfahrung auf eine Realschule und 12,2 % auf ein Gymnasium schafften, zeigt, dass die Grundschule für arme Kinder eine kulturelle und soziale Ressource im Sinne von Schutzfaktoren darstellte und so zum Schulerfolg beitrug. Bei der Gruppe der Kinder ohne Armutserfahrung mit Wechsel auf Realschule oder Gymnasium hatte diese Funktion zunächst das Elternhaus; die Grundschule bildete die Ergänzung. Schulen und ganz besonders Grundschulen sind und müssen für arme Kinder mehr sein als nur Vermittlungsinstitutionen der formalen Bildung.

Was aber diese Schutzfaktoren der Schule ausmacht, das erfordert dringend einer grundlegenden Erforschung. Vermittlung sozialer Kompetenzen, Erfahrungsfeld für soziale Integration oder auch ein positives Lernklima sind bereits heute benennbare Faktoren.

Die schulisch erfolgreichen Kinder mit Armutserfahrungen der AWO-ISS-Studien suchten und fanden offenbar in den von ihnen besuchten Kitas und Grundschulen einen außerfamiliären Entwicklungs- und Gestaltungsraum, der ihnen Schutz bot sowie Kompensation und Förderung ermöglichte. Wird armen Kindern durch die Lehrerschaft das immense Gestaltungsvermögen von Schule zugänglich gemacht, dann zeigen sich unmittelbar und nachhaltig die positiven Folgen, nämlich in Form besserer Lebens- und Zukunftsperspektiven. Darin unterscheiden sich, das belegen auch die Fallbeispiele der Studie eindeutig, arme von nicht-armen Kindern kaum.

Schule als Schutzfaktor für arme Kinder

Das Schulwesen, insbesondere die Grundschule, steht im Unterschied zum Kita-Bereich am Anfang armutspräventiver Arbeitsansätze. Im Grunde sollten beide gemeinsam diesen Zukunftsweg gehen. Dabei geht es in der Schule unter anderem um die folgenden Ansätze:
• Wahrnehmung von Armut als gesellschaftliches Phänomen und nicht als individuelles Verschulden oder gar Versagen der Eltern
• Initiierung von Angeboten mit dem Ziel, armutsbelasteten Kindern zusätzliche Lern- und Erfahrungsräume und neue Ressourcen zu eröffnen
• Verantwortungsübernahme auch für arme oder vermeintlich nicht leistungsfähige oder nicht leistungswillige Kinder
• Verbesserung des Zugangs zu armen und schwer erreichbaren Eltern; Aufbau von Beziehungen dieser Eltern zum Schulgeschehen
• Entwicklung (schul-)pädagogischer Konzepte, um Armutsfolgen zu thematisieren und Armutsprävention durch Schule zu etablieren
• Stärkung von Sozialraumbezug und Vernetzung mit außerschulischen Institutionen sowie Ausbau der Kooperation von Jugendhilfe, Jugendgesundheitshilfe und Schule

 

 

Literatur

Beate Hock, Gerda Holz, Werner Wüstendörfer: Frühe Folgen – Langfristige Konsequenzen. Frankfurt am Main 2000
Gerda Holz, Susanne Skoluda: Armut im Grundschulalter, Frankfurt am Main 2003
Gerda Holz, Antje Richter, Werner Wüstendörfer, Dietrich Giering: Zukunftschancen von Kindern – Wirkung von Armut bis zum Ende der Grundschulzeit, Frankfurt am Main 2006