Titelthema: Arschkriecherei, surreal gestaltet - Eindrücke vom Großprojekt „Schirn macht Schule“
Kategorie: HLZ

Von: Ursula Wöll

Vom: 09.07.11

Eigentlich ist die Schirn-Kunsthalle montags geschlossen. Doch an diesem Montag im Februar 2011 drängeln sich im Foyer 350 junge Künstlerinnen und Künstler in spe, um die Ausstellung „Surreale Dinge - Objekte von Dali bis Man Ray“ zu besichtigen.

Sie kommen aus zehn Schulen, aus 15 Klassen der Stufen 9 bis 13, die an dem Großprojekt „Schirn macht Schule“ teilnehmen. In den kommenden acht Wochen wollen sie in ihrem Kunstunterricht selber surreale Dinge erfinden und herstellen.
Die Kooperation von Museum und Schule nimmt damit neue, erweiterte Formen an, der museale Elfenbeinturm öffnet sich. Die bisherige Museumspädagogik für Schulklassen, die mittlerweile jedes größere Haus im Programm hat, wird durch
schöpferische Praxis außerhalb ergänzt. Projektbetreuer der Kunsthalle Schirn und Lehrkräfte arbeiten bereits seit dem Winter zusammen, um sich inhaltlich und organisatorisch zu koordinieren. In das Projekt einbezogen sind auch Kunstpädagogik-Studenten der Gießener Uni, die als Berater und Lernende in den Klassen Praxisluft schnuppern können, außerdem der Konsumtempel MyZeil, in dem die Kunstwerke der Schülerinnen und Schüler im April 2011 zwei Wochen lang präsentiert wurden.

Das Schülerinteresse beim Besuch der Ausstellung „Surreale Dinge“ ist also groß, soll sie doch Anregungen für die eigene Arbeit geben. Entsprechend erwartungsvoll ergießt sich der Pulk über die Treppe in die schummrigen, mit weinrotem Filz ausgeschlagenen Säle. Zwanglos bilden sich kleine Gruppen vor den rätselhaften, verrückten oder witzigen Exponaten, identisch meist mit den Teams, die sich längst
in den Klassen gebildet haben. In Sachen Kunsthistorie kann man es schon mit Surrealismus-Experten aufnehmen und eigene schöpferische Ideen spuken heftig im Kopf. Man begutachtet also mit Kennerblick die 180 skurrilen Objekte, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts so shocking wirkten: das mit Nägeln gespickte Bügeleisen von Man Ray, die grotesk von Dorothea Tanning arrangierten Extremitäten in schweinchenrosa, den von Salvador Dalí inszenierten roten Schuh seiner Muse Gala, den Regenschirm aus Schwämmen von Wolfgang Paalen oder die Glasglocke mit dem Marmorklöppel von André Breton. Man tauscht sich leise aus
und hat das eine oder andere Aha-Erlebnis: „Das könnten wir doch so machen, dass wir ...“.

Der schöpferische Rausch
Kann man denn schon von 7.45 bis genau 9.10 Uhr schöpferisch in Fahrt kommen, frage ich mich vor dem Besuch des Wahlpflichtkurses Kunst, Stufe 10 des Georg-Büchner-Gymnasiums Bad Vilbel am 9. März. Und wie man kann, man ist schließlich hochmotiviert! Zügig holen sich die Dreiergruppen ihre angefangenen Arbeiten aus dem kleinen Nebenraum. Vor Drahtgeflecht, Farbtöpfen, Köpfen aus Pappmaché
oder Schaufensterpuppen diskutieren die Teams leise, biegen, kleben, matschen und bohren. Die Lehrerin Herta Maria Reitz hatte als Leitthema die individuellen und sozialen Beziehungen der Menschen vorgeschlagen, das dann jede Untergruppe eigenständig entwickelte. Nicht nur inhaltlich lernten die Schülerinnen und Schüler bei der Suche und Präzisierung ihres Schwerpunktes, sondern auch ganz nebenbei
mit anderen zu kommunizieren, also hinzuhören und zu argumentieren.

Eine Gruppe thematisiert die Sucht, dem propagierten Schönheitsideal zu entsprechen. Eine ausgediente Schaufensterpuppe und viele Spritzen werden zu einem Kunstwerk zusammenwachsen, auf welche Weise wird sich ergeben. Im
nächsten „Atelier“ wird eine Schaufensterpuppe schwarz und weiß bemalt, um an die dunklen, unbewussten Anteile zu erinnern, die auf unser Ich einwirken. Den klassischen Surrealisten war ja dieser Aspekt ein besonderes Anliegen.
Caro Kotlenga, Michelle Alexander und Arzu Arikaya thematisieren die Überforderung im Alltag, indem sie einem gespaltenen Kopf viele kleine Figuren entspringen lassen. Eine andere Gruppe konfrontiert Weltkugel und Kopf in
vertauschten Größen, um den technischen Machbarkeitswahn zu kritisieren.
Viele nutzen dieses Mittel der Ironie, so auch Alexander Lietz, Leila Pjanic und Melina Rotter. Sie nennen ihr Objekt „Charakterstärke“ und lassen ein Männchen
die Leiter erklimmen, die aus einem dicken Arsch, pardon Hintern, hängt.

Lehrerin Reitz war zwar bei der Materialbeschaffung sehr aktiv, hält sich aber nun nach schneller Anwesenheitskontrolle als Impulsgeberin im Hintergrund. „Ich bin froh, dass unsere Schule nah bei Frankfurt liegt, so kann ich die kulturellen Möglichkeiten für den Unterricht nutzen. Und glücklich bin ich, dass unsere Bewerbung, am Projekt ‘Schirn macht Schule’ teilzunehmen, erfolgreich war.“

Fazit: Die externe Besucherin wird neidisch ob der wunderbar schöpferischen
Atmosphäre und denkt an Schiller: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Die Präsentation im Tempel des Konsums
Die Vernissage am 11. April in der Shopping-Mall MyZeil zeigt, dass die Exponate aller Schulen von hoher Qualität sind. In der Carl-von-Weinberg-Schule, der Heinrich-Kleyer-Schule, der Heinrich-von-Kleist-Schule, der IGS Kelsterbach,
der Marienschule, der Sankt Angela Schule, der Schillerschule Offenbach, der Wöhlerschule und der Schule für Mode, Grafik, Design muss ein ähnlich produktiver Geist geweht haben wie am Büchner-Gymnasium.

So haben sich die Künstlerinnen der Marienschule Offenbach, einer Mädchenschule, mit dem Thema „Emanzipation“ auseinandergesetzt. Die 17-jährige Aline Sacher etwa hat überlegt, ob beruflicher oder politischer Aufstieg die weibliche Persönlichkeit verändert und dies in eckige beziehungsweise runde Formen übersetzt. An der Wöhlerschule entstanden viele Objekte zum Einfluss der Medien auf uns alle. Manche sind mehrfach deutbar, etwa als „Big Brother“ oder als zur Glotze mutierte Medienkonsumenten. Große Kunst regt eben zum Interpretieren an.

Löblich ist zwar die in das Projekt integrierte Absicht, Kunst dahin zu bringen, wo die museumsfernen Massen sind. Nach Schirn-Direktor Max Hollein soll sie in Dialog mit dem Konsum treten, ein Ziel, das selbst in dieser Vagheit kaum erreicht wurde. Die meisten Schüler-Objekte wurden im 4. Stock unter dem geschwungenen Glasdach präsentiert, und zwar leider ziemlich zusammengedrängt gruppiert hinter
Glas. Andere wurden auf die übrigen Stockwerke von MyZeil verteilt, wo sie in der bunten Warenwelt nicht wirklich auffielen: anything goes.
Das ist schade, hatten doch die Schülerinnen und Schüler ihren Objekten einen genau durchdachten Sinn unterlegt und damit die klassischen Surrealisten überrundet, denen das geheimnisvolle und provokative Nebeneinander einer Nähmaschine und eines Regenschirms oft genügte. Das Erkennen dieses Sinns war durch die Art der Präsentation oft erschwert. Die schrille Warenwelt behielt klar die Oberhand. Vorhersehbar war auch, dass die kauflustigen Massen aus ihrem
Konsum- nicht in einen Kunstrausch fallen und künftig die Museen stürmen werden.

So ging der Publicity-Gewinn von Schirn und MyZeil ein wenig auf Kosten der eigentlich Kreativen. Man hätte deren Arbeiten wirklich ernst nehmen und sie parallel zur wunderbaren Ausstellung „Surreale Dinge“ in der Schirn selbst präsentieren sollen, also großzügig gruppiert vor weinrotem Filz. Auch sollten zumindest Jugendliche ohne Eintritt in die Museen dürfen, wie in Nachbarländern bereits üblich. Trotzdem: Das großartige Großprojekt „Schirn macht Schule“ verdient viele Plagiatoren, wird nicht nur in Frankfurt „Schule machen“.

Übrigens, zur klassischen Schirn-Ausstellung gab es eine tolle farbige 38-Seiten-Einführung „Surreale Dinge“, die im Klassensatz nur 1 Euro pro Stück kostet. So kann das Thema „Surrealismus“ auch nach Ende der Ausstellung am 29. Mai
„behandelt“ werden. Denn die Frage der Surrealisten nach dem Verhältnis von Rationalität und Gefühl interessierte bereits in der Romantik und interessiert Jugendliche von heute noch immer.