Architektur ist ja nicht nur die berühmte „dritte Haut“, sondern auch das buchstäbliche „weite Feld“, und bietet jede Menge Berührungspunkte mit anderen Disziplinen und damit die Chance, großes pädagogisches Potenzial zu entfalten.
Kleine Kinder sind passionierte Baumeister, die Reggio-Pädagogik erhebt das Bauen in den Rang einer kindlichen Universalsprache und Frei Otto, der Architekt des Münchner Olympiastadions, spricht von dem Bau-Gen von Kindern. Das Entdecken von Raum, die allmähliche Überwindung von Raumgrenzen und die Eroberung neuer Räume sind konstitutiv für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen. Architektur ist Kunst und profaner Alltag zugleich, betrifft das Leben aller, unabhängig von der jeweiligen sozialen Position und ist also bestens geeignet, den Grundsatz „Kultur für alle“ neu zu beleben und Bildungsbenachteiligung entgegenzuwirken.
Architektur integriert Lernen mit Kopf, Herz und Hand, nimmt die ganze Person in den Blick und wirkt im besten Sinne persönlichkeitsbildend. Architektur ist interna-tional, relativiert den eurozentristischen Blick und ist ein Forum für interkulturelles Lernen. Was will man eigentlich mehr? Und trotz all dieser Qualifikationsmerkmale und trotz aller Bekenntnisse zur Bedeutung von kultureller Bildung beim Erwerb von
Schlüsselkompetenzen, bei der Eroberung gesellschaftlicher Teilhabe, bietet das deutsche Schulsystem im Vergleich zu anderen europäischen Ländern bis heute nur wenig Spielraum, Architektur angemessen zu berücksichtigen.So taucht die Beschäftigung mit Architektur gerade mal in der Jahrgangsstufe 13/1 der gymnasialen Oberstufe (beziehungsweise 12/1 bei G8) auf, ist also kaum mehr als ein Mäusefach. Die Sprache der Architektur, die Kinder eben noch spielend erlernt haben, kommt auf der weiterführenden Schule in aller Regel wieder abhanden.
Museen, ebenfalls Institutionen mit einem in der Regel öffentlich definierten Bildungsauftrag, machen es häufig auch nicht viel besser. Die meisten sind nach wie vor zu sehr „Elfenbeinturm“ und zu wenig „ebenerdiges Haus“. Nirgendwo sonst sind Zugänge so von sozialer Zugehörigkeit abhängig wie bei einem Museumsbesuch. Museen werden in der Hauptsache von denjenigen besucht, die eine große Nähe zu Bildung haben und für die kulturelle und soziale Teilhabe kein Fremdwort ist. Zwar ist die Besucherorientierung als übergeordnetes Gestaltungsprinzip allenthalben akzeptiert, aber dabei geht es in erster Linie um die Besucher, die immerhin kommen. Aber was macht man eigentlich mit denen, die nicht kommen?
Aus dieser eher defizitären pädagogischen Ausgangslage ist im Deutschen Architekturmuseum (DAM) die Reihe „Architekturmuseum macht Schule“ entstanden in der Absicht, den Elfenbeinturm gezielt zu verlassen und vor Ort zu gehen. Die Projektarbeit mit Schulen, sei es als AG im Nachmittagsbereich von Grundschulen oder Mittelstufen oder Projektwochen in der gymnasialen Oberstufe, ist ein ganz wesentlicher Bestandteil der Vermittlungsarbeit des DAM geworden.
Der Bildungspartnerschaft mit der Hostatoschule in Frankfurt-Höchst, gefördert von dem bundesweit ausgeschriebenen Wettbewerb schule@museum, kommt in diesem Zusammenhang ein ganz besonderer Stellenwert zu (1). Zum ersten Mal haben Jugendliche im Rahmen von „Architekturmuseum macht Schule“ eine Bauaufgabe im Maßstab 1:1 bewältigt und einen Pavillon aus Bambus auf dem Schulhof
errichtet – von Schülern für Schüler, stabil und absolut alltagstauglich.
Das Projekt „Eine interkulturelle Reise in die gebaute Umwelt“ bietet Schülern und Schülerinnen der Jahrgänge 5 bis 8 einen kreativen, spielerischen Einstieg auf Augenhöhe in die Architektur. Pädagogisch handlungsleitend sind der Bedarf und die Bedürfnisse von Haupt-, Real- und Gesamtschülern, für die kulturelle Teilhabe so gar nicht selbstverständlich ist, sondern immer neu erobert und gefestigt werden muss. Viele Schülerinnen und Schüler der Hostatoschule, einer Hauptschule im Frankfurter Stadtteil Höchst, kommen aus Familien, in denen Migrationshintergrund häufig mit einem niedrigen Bildungsstand gekoppelt ist. Die meisten dieser Jugendlichen verlassen ihren Stadtteil selten oder nie; den Weg in ein Museum würden sie ohne unterstützende Angebote vermutlich nicht finden.
Jeder Projektbaustein besteht aus insgesamt zehn ArchitekturTagen, die als „Türöffner“ dienen und in die großen und kleinen Themen der Architektur einführen
sollen. Die Hostatoschule hat im Jahrgang 6 von Anfang Februar bis zu den Osterferien den Montag komplett zum ArchitekturTag erklärt und den Stundenplan regelrecht für den Einsatz der Architektin des DAM und für die jungen Baumeister der Schule freigeräumt. Intensiv dabei war auch die Klassenlehrerin, die kurzerhand in die Rolle der Bauassistentin schlüpfen musste.
Ein Bambuspavillon für die Hostato-Schule
Die interkulturelle Reise setzt im vertrauten Umfeld an, beschäftigt sich zunächst mit dem Schulgebäude, dem Stadtteil und erweitert allmählich den Radius in Richtung „große“ Stadt. Die Eroberung des urbanen Raums besteht aus einer Reihe von Spurensuchen, Exkursionen, Expertengesprächen und Baustellenbesichtigungen, um die Schülerinnen und Schüler auf diese Weise mit möglichst vielen Facetten von Architektur bekannt zu machen. Alle Projektphasen werden gemeinsam geplant und bieten immer wieder Möglichkeiten der Bodenhaftung, um das Erlernte praktisch umzusetzen – in einer Materialkiste, einem Entwurf, einem Arbeitsmodell.
Der Bau des Pavillons aus Bambus im mutigen Maßstab 1:1 war ganz entschieden der Höhepunkt des Projektes. Das Bambusmaterial stammte aus Beständen des Frankfurter Palmengartens und wurde von den Jugendlichen weit vor Projektbeginn gemeinsam mit den Gärtnern bedarfsgerecht aufbereitet und für die winterliche Lagerung in einem Außenlager des Museums hergerichtet.
Überhaupt war der Palmengarten eine wichtige Anlaufstelle. Kurz vor Beginn der
Bauphase hat die Gruppe die „Grüne Schule“ besucht und sich endgültig mit den Materialeigenschaften und den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Bambus vertraut gemacht. All das floss – wenn auch von den Schülern eher unbemerkt – in die Architektur, in die konkrete Planung und Konstruktion ihres Pavillons ein.
Nach dem Richtfest stand die Innenarchitektur auf dem Plan; die Gruppe nahm ihren Pavillon in Besitz und möblierte ihn mit Gegenständen, die den Jugendlichen –
tatsächlich oder symbolisch – etwas bedeuten, zum Beispiel mit dem kulturellen Hintergrund ihrer Familie zu tun haben.
Nach den Osterferien stand die Vorbereitung der Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum im Vordergrund; sie dokumentiert zum einen den Projektverlauf und ist gleichzeitig eine Art materialisierter Werkbericht, der über Fotos, Modelle, Materialkisten, Schülerkommentare und Projekttagebuch Erfahrungen und Lernprozesse für alle Besucher des DAM sichtbar und nachvollziehbar macht. Zur Ausstellungseröffnung ist das Auditorium des DAM mit Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Familien der jugendlichen Architekten gefüllt; der Rahmen ist festlich und die Schüler freuen sich, es „ins Museum geschafft zu haben“. Es gibt kleine Reden von allen Beteiligten, immer wieder unterbrochen von begeistertem, ansteckendem Applaus. Die Schülerinnen und Schüler genießen diese Art der Aufmerksamkeit sichtlich und lassen mit allem Recht ihre Arbeit würdigen und feiern.
Christina Budde
Die Autorin ist Kuratorin Architekturvermittlung am Deutschen
Architekturmuseum Frankfurt.
Das Kooperationsprojekt des Deutschen Architekturmuseums und der
Hostatoschule in Frankfurt-Höchst ist Teil des bundesweiten Bildungsprojekts
schule@museum, einer Gemeinschaftsinitiative des BDKFachverbands für Kunstpädagogik, des Bundesverbands Museumspädagogik, der Bundeszentrale für politische Bildung, des Deutschen Museumsbundes und der Stiftung Mercator. Das Frankfurter Projekt ist eines von 16 bundesweit geförderten Projekten.
Foto: Simone Hess









