Für schadstofffreie Bildungseinrichtungen!

GEW-Fachtagung setzt auf Vernetzung

Rund 60 Teilnehmer/innen nutzten auf der von der GEW Hessen und lea bildungsgesellschaft organisierten „Fachtagung zu Gift-und Schadstoffen in Bildungseinrichtungen“ am 7. Juni 2017 im Frankfurter DGB-Haus die Gelegenheit zu einem intensiven Erfahrungsaustausch über ein gemeinhin als „sperrig und schwierig“ geltendes Thema, wie es die stellvertretende Vorsitzende der GEW Hessen, Karola Stötzel, in ihrem Eingangsstatement formulierte. 

Man müsse das Muster des Einzelkämpfertums durchbrechen und wolle mit der Veranstaltung eine Initialzündung bewirken für eine Vernetzung der Akteure und eine Verstetigung der in vielen, zum Teil leidvollen Auseinandersetzungen gewonnen Erfahrungen. Karola Stötzel stellte diese Aufgabe in den politischen Zusammenhang der Bekämpfung des Sanierungsstaus an hessischen Bildungseinrichtungen, der sich in Kommunen wie Wiesbaden oder Frankfurt auf skandalöse Größenordnungen von mittlerweile 1 Mrd. Euro und mehr summiere. 

Jürgen Jäger, Umweltbeauftragter der GEW Hessen, der den Anstoß zu dieser Fachtagung gab, prangerte den „Lüftungszirkus“ an, der von Verantwortlichen immer dann aufgeführt werde, wenn Missstände im Zusammenhang mit Schadstoffbelastungen vertuscht, statt beseitigt werden sollen. „Die Zeit drängt“, so Jäger mit Blick auf die Auswirkungen von Schadstoffbelastungen auf kommende Generationen.

Man müsse sich von der „Illusion eines schadstofffreien Lebens“ verabschieden, konstatierte ernüchtert Dr. med Frank Bartram, der als praktizierender Umweltmediziner bislang mehr als 13.000 Patienten mit umweltassoziierten Erkrankungen behandelt hat. Er untersucht derzeit auch Kinder der Frankfurter Rebstock-Schule, deren heftige Symptome er eindeutig in Zusammenhang mit ihrem Schulaufenthalt stellt. Bartram verwies auf unbestreitbare Fortschritte der Umweltmedizin. Im Unterschied zu früheren Zeiten könne man heute viele Stoffe messen. „Doch wir scheitern im sozialen Bereich“, so Bartram, wenn entgegen besserer Einsicht aus Kostengründen auf umweltbewusstes Bauen verzichtet werde. Da Menschen in Europa 85 % ihres Lebens in Innenräumen verbringen, sei es unverantwortlich, wenn weiterhin bis zu 300 unterschiedliche Substanzen in Baumaterialien enthalten seien. Diese Größenordnungen gelte es gezielt zu minimieren. Vehement wandte er sich gegen Strategien einer sozialen Ausgrenzung von Umweltgeschädigten durch „pseudopsychologische Erklärungen“.

Rechtsanwalt Wilhelm Krahn-Zembol erläuterte die Vertracktheiten der (viel zu beschränkten) rechtlichen Möglichkeiten im Kampf gegen toxische Belastungen in Bildungseinrichtungen. Er verwies auf den rechtlichen Streit um Grenzwerte. Wer sich diesbezüglich in Gutachten auf die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen „Vorsorge“ berufe, habe bereits jeglichen Rechtsanspruch verwirkt. Entscheidend sei allein die Berufung auf eine Abwehr akuter Gefahren. Durch Umwelteinflüsse Geschädigte hätten es regelmäßig schwer zu belegen, dass ein Stoff für eine bestimmte Wirkung ursächlich sei. De facto seien (potenziell) Geschädigte sozialrechtlich überhaupt nicht abgesichert, was Krahn-Zembol als einen „absoluten sozialen Missstand“ bezeichnete. Hinzu käme, dass Beamte gegenüber Angestellten, die diesbezüglich eine rechtlich bessere Position hätten, schlechter gestellt seien, wenn es darum gehe, gesundheitliche Schädigungen überhaupt anerkannt zu bekommen. Dies sei verfassungsrechtlich problematisch. 

Es gäbe für Betroffene in Auseinandersetzungen um Schadstoffbelastungen von Bildungseinrichtungen keine wirklich scharfe Waffe. Dennoch solle man sich nicht entmutigen lassen. Wichtig sei allemal, frühzeitig Auskünfte einfordern, Beweissicherungen vorzunehmen und frühzeitig rechtliche Verfahren in Gang zu setzen. Nur als „letzter Rettungsanker“ erscheinen dann Möglichkeiten wie das Stellen von Strafanzeigen, Gestattungsanträge, damit Kinder woanders unterrichtet werden, oder Versetzungsanträge von Lehrkräften. 

Letztendlich helfe in diesem ganzen Gebiet nur eine radikale Veränderung der Denkweise und des Herangehens. Man könne die Probleme einer Welt, die das Resultat einer überholten Denkweise seien, nicht mit eben dieser überholten Denkweise lösen, erklärte Zembol mit Verweis auf Albert Einstein. 

Wie behördliches Handeln vor dem Hintergrund „überholter Denkweisen“ aussieht, stellte auf anschauliche Weise Petra Hahn von der „IG Schadstoffe in Frankfurter Schulen und Kitas“ dar. Sie ist Lehrerin an einer Frankfurter Berufsschule, ihre beiden Kinder gehen auf die gegenwärtig im Fokus der Auseinandersetzung stehende Rebstock-Schule in Frankfurt. Sie kennt also das Problem von beiden Seiten. Ihr Bericht über den Umgang der Behörden mit den betroffenen Eltern und Kindern, die ständige Brüskierung der berechtigten Forderung nach Transparenz bei der Aufklärung über mögliche Schadstoffbelastungen, bis hin zur Strafanzeige gegen Eltern, die in ihrer Not auf eigene Faust eine Staubprobe entnommen und deren Analyse auch noch aus eigener Tasche bezahlt haben – all das ließ den Teilnehmer/innen der Fachtagung die Haare zu Berge stehen. 

Vor diesem Hintergrund stieß der Vorschlag des GEW-Schadstoffbeauftragten Jürgen Jäger, sich ausgehend von dieser Fachtagung durch Einberufung eines Koordinierungstreffens von betroffenen Lehrkräften, Eltern, Personalräten und Fachkundigen konkret zu vernetzen, auf große Zustimmung.

Die von Jürgen Jäger eingebrachte Drei-Punkte-Resolution, die per Akklamation verabschiedet wurde, lautet wie folgt: 

  1. Vor dem Hintergrund immer wieder neu auftretender Konflikte und Auseinandersetzungen um die Auswirkungen von Gift- und Schadstoffbelastungen in Bildungseinrichtungen halten die auf der heutigen Fachtagung versammelten Teilnehmer_innen eine effektivere Vernetzung von Betroffenen, Personalräten und Gewerkschaftern für erforderlich.
  2. Um Kolleginnen und Eltern an Schulen und Kitas zu unterstützen, mit Informationen zu versorgen und so den Kräfteverschleiß von Betroffenen in örtlich und institutionell vereinzelten Auseinandersetzungen möglichst gering zu halten, soll für Hessen ein vierteljährlich zusammentretendes, offenes „KOORDINIERUNGSTREFFEN GIFT- u. SCHADSTOFFBELASTUNGEN“ als Kontakt- und Infostelle für Betroffene eingerichtet werden.
  3. Neben dem Zusammenschluss unmittelbar Betroffener und der Vernetzung mit fachlich versierten Umweltmedizinern und Juristen ist es das langfristige Ziel unserer Bemühungen, im hessischen Schulrecht die Verwendung ausschließlich gift- und schadstofffreier Materialien bei Bau und Ausstattung von Bildungseinrichtungen zu normieren und die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren.

Frankfurt, 7. Juni 2017 

Interessenten für dieses Kordinierungstreffen können sich an Jürgen Jäger wenden:

 pcbjaeger@gmx.de