Wir erinnern an ...

Nachruf auf Dr. Hartmann Wunderer – Du fehlst! | 2016

Unser Kollege Dr. Hartmann Wunderer starb ein paar Tage vor seiner Pensionierung am 21. Jul 2016 an einem Herzinfarkt.

Hartmann Wunderer war ein engagierter Vorkämpfer für eine Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik, die die Mündigkeit und politische Partizipation zum Ziel hatte. In zahllosen Publikationen, als Mitglied in der hessischen Jury für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, als Begründer der Geschichtswerkstatt Wiesbaden  und als unermüdlicher Lehrer hat er sich für die historisch-politische Bildung von Jugendlichen und Erwachsenen eingesetzt. Wer die lange Liste seiner Veröffentlichungen studiert[1], kann erahnen, dass Hartmann Wunderer von der Überzeugung getrieben war, durch Aufklärung über die Vergangenheit die Gegenwart besser zu verstehen, um die Zukunft besser und humaner gestalten zu können.

Hartmann wurde 1950 in Franken geboren,  studierte ab 1969 Germanistik, Geschichte und Sozialkunde an der Universität Würzburg und promovierte 1978 an der Gesamthochschule Kassel mit einer Untersuchung über Kultur- und Massenorganisationen in der Arbeiterbewegung zum Dr. phil. Das Fach Evangelische Religion studierte er nach und ging 1984 in den hessischen Schuldienst. Er war zuletzt Oberstudienrat und unterrichtete u. a. in Wiesbaden an der Elly-Heuss-Schule, an der Wilhelm-Leuschner-Schule und am Gymnasium am Mosbacher Berg.

Seine Forschungsschwerpunkte waren Geschlechtergeschichte, Historische Demographie und moderne Sozialgeschichte, außerdem betätigte er sich wissenschaftsjournalistisch, verfasste zahlreiche Buch- und Zeitschriftenbeiträge und war Mitautor zahlreicher Unterrichtswerke sowie fachdidaktischer Werke.  Intensiv beschäftigte er sich seit seiner Dissertation mit der Geschichte der Arbeiterbewegung, der Arbeiterkultur und der Geschichte der KPD, aber auch mit der Zeit des Nationalsozialismus.  Er war einer der besten Kenner der Bestände des Hessischen Hauptstaatsarchivs in Wiesbaden über den Nationalsozialismus und Nachkriegsdeutschland.

Hartmann war auch ein kritischer streitbarer Geist.  Die Schwerpunkte der Entwicklung der Fachdidaktik, die er für sinnvoll hielt im Hinblick auf die Emanzipation von Jugendlichen, unterstützte er durch zahlreiche Veröffentlichungen. Als in den 90er Jahren Geschlechtergeschichte zum Gegenstand des Geschichtsunterrichts wurde, trug er durch seine hervorragende Quellenkenntnis dazu bei, dass die Lehrkräfte Materialien für  diese neue Thematik  erhielten.[2]  Lokalgeschichtliche Spurensuche schien ihm eine geeignete Methode, allgemeingeschichtliche Zusammenhänge an Prozessen vor Ort zu veranschaulichen und entdeckendes Lernen bei seinen Schülerinnen und Schülern zu fördern. Da er  Mitbegründer der Geschichtswerkstatt Wiesbaden war, kannte er sich bestens aus. Als Herausgeber fungierte er -  zusammen mit Gerhard Honekamp und Wolfgang Jung -  bei dem Band über den Wiesbadner “ Alltag zwischen Mächtigen und Müßiggängern“.[3]  und schrieb Beiträge zu dem Buch „Wiesbaden. Hinterhof und Kurkonzert. Eine illustrierte Alltagsgeschichte von 1800 bis heute“.[4]  Seine Fortbildungen beim HILF  mündeten in Quellensammlungen zur Wiesbadener Stadtgeschichte. [5], die in allen Wiesbadner Schulen Grundlage für einen anschaulichen und motivierenden Geschichtsunterricht wurden.  Dass er selbst dem Prinzip l des forschend- entdeckenden Lernens auch als Lehrer verpflichtet war, belegen seine Projektvorschläge auf seiner Homepage.[6] In den letzten Jahren nahm er sich besonders der Erinnerungskultur und Geschichtspolitik an und erkannte die Bedeutung dieser Konstruktionen von Deutungszusammenhängen für den Geschichts- und Politikunterricht. Daher sah er auch in der Aufnahme dieser Thematik im neuen Kerncurriculum Geschichte für die Sek. II in Hessen eine Chance, die aufklärerische Funktion von Geschichtsunterricht zu betonen.

Seine Interessen kannten keine Grenzen, so wechselte er vom Mikro- zum Makrokosmos, von der lokalgeschichtlichen Forschung zu interkulturellen und globalhistorischen Fragestellungen hin und her. Nachdrücklich hat er in didaktischen Publikationen (z.B. für Geschichte lernen) zu einer Horizonterweiterung beigetragen und jüngst, leider letztmalig, noch in einem zusammen mit Dr. Wolfgang Geiger verfassten Beitrag in der Zeitschrift des Geschichtslehrerverbandes zu einer solchen aufgerufen.

So engagiert Hartmann für neue Themen, entdeckend –forschendes Lernen und wissenschaftspropädeutischen Unterricht eintrat, so abhold waren ihm Phrasendrescherei, pädagogische Hochwertwörter und Moden.  So äußert er sich auf seiner Homepage kritisch gegenüber der Kompetenzorientierung: „Die gegenwärtigen fachdidaktischen Tendenzen (Vermittlung von „Kompetenzen“) sehe ich eher kritisch, wenn die Inhalte und die anderen Erkenntnismöglichkeiten des Faches darunter leiden.“[7]. Der Nachruf seiner letzten Schule, des Gymnasiums am Mosbacher Berg, unterstützt den Eindruck, dass Hartmann widerständig wurde, wenn er den Sinn pädagogischer „Innovationen“ nicht einsah: „Hartmann Wunderer war ein Multitalent. Er unterrichtete Geschichte, Politik und Wirtschaft, Deutsch und evangelische Religion. Mehrere Schülergenerationen hat er am Gymnasium am Mosbacher Berg seit 2008 begleitet und sicher zum Abitur geführt. Dabei lagen ihm gerade diejenigen besonders am Herzen, denen die Schule nicht so leicht fiel. Gerne gab er sein profundes Wissen nicht nur an Schülerinnen und Schüler, sondern auch an junge Kolleginnen und Kollegen weiter. An einem fachlichen Gespräch war er stets interessiert. Von Nebensächlichkeiten und Formalia ließ er sich nicht gängeln.“[8] Öfters habe ich von  Freitag bis Sonntag telefonisch über Beiträge für geschichtsdidaktische Zeitschriften diskutiert und gestritten  und dabei bereichert festgestellt, dass hartes Ringen um die Sache die Qualität steigert.  Und zudem waren die Gespräche mit ihm sehr amüsant, weil er hintergründigen Humor besaß.

Hartmanns Tod ist ein großer Verlust- für seine Familie, für seine Freunde, Freundinnen und Kollegen, für die Historikerzunft, für die Fachdidaktiker/innen  Geschichte, für die Wiesbadener Stadtgeschichtler/innen und für die GEW, deren Anliegen ein emanzipatorisches Geschichtsbild ist, welches  die Kämpfe der wenig Privilegierten, deren Niederlagen und Erfolge in den Vordergrund stellt. Seine Kollegen und Kolleginnen, seine Schülerinnen und Schüler sowie seine Mitstreiter für einen guten Geschichtsunterricht werden die Früchte seiner unermüdlichen Arbeit ernten.

Dr. Franziska Conrad 

Seine letzte HLZ-Veröffentlichung zum Thema „Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in Wiesbaden“ erschien in der HLZ 3/2015.


[1] fachportal-paedagogik.de

[2] Franziska Conrad, Hartmann Wunderer. Geschlechtergeschichte: Historische Probleme und moderne Konzepte. Braunschweig, 2005.

[3] Hartmann Wunderer/Gerhard Honekamp/ Wolfgang Jung: Alltag zwischen Mächtigen und Müßiggängern. Historische Erkundungen in Wiesbaden und Umgebung, Wiesbaden 1994, 2. Aufl. 1995.

[4] Gerhard Honekamp (Hg.): Hinterhof und Kurkonzert. Eine illustrierte Alltagsgeschichte von 1800 bis heute. Hg. von Gerhard Honekamp, Gudensberg-Gleichen 1996.

[5] Hartmann Wunderer (Hg,): Alltag, Kultur und große Politik. Wiesbadener Stadtgeschichte in Quellen und Kommentaren. Bd. 2: Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart (= Ergebnisse Regionaler Lehrerfortbildung in Hessen. Hessisches Institut für Lehrerfortbildung, Außenstelle Wiesbaden) 1997.

[6] https://hartmannwunderer.wordpress.com/projekte/

[7] https://hartmannwunderer.wordpress.com/about/

[8] mosbacher-berg.de/news